"Es scheint bei Flugplatzkatastrophen eine gewisse Anarchie unter den
Zuschauern auszubrechen... Uns armen Fliegern wird da nämlich gestohlen,
was nicht niet und nagelfest ist. So sah ich meine Mütze und Brille
nicht wieder, Kapitän Engelhard fehlte seine wertvolle Kravattennadel.
Ich meine, das ist gemeiner Leichenraub, sonst nichts."
Gerhard Sedlmayer nach dem Absturz bei der Herbstflugwoche von
1911
TEIL 2
Die vom 4. - 11. Juni 1911 ausgetragene nationale Flugwoche wurde
zur Förderung des Nachwuchses ausgetragen. Zugelassen waren nur deutsche
Piloten, die bei zuvorgehenden Wettbewerben noch keine Preisgelder über
5000 Mark erhalten hatten. Auf dieser Flugwoche kam es zu einer schrecklichen
Unfall, als Georg Schendel gemeinsam mit seinem Monteur am 9. Juni starteten,
um den von Hellmuth Hirth vor drei Tagen aufgestellten Höhenrekord zu
brechen. Auf einer Höhe von 1680 Meter stürzte seine Maschine ab
und beide Piloten fanden hierbei den Tod. Der geborgene Barograph zeigte
eine neuen Höhenrekord beim Flug mit einem Passagier an. Dieser Unfall
war aber nicht der erste in Johannsithal, sondern bereits am 11. Mai 1911
hatte der 23jährige Flugschüler Hans Brock bei einem Startversuch
den Tod gefunden. und die Fahnen des Flugplatzes wurden hierauf auf Halbmast
gesetzt. Einer der größten Veranstaltungen in Deutschland, der
Deutsche Rundflug, vor dem I. Weltkrieg wurde am 11. Juni 1911 gestartet.
Ursprünglich war das hierbei von der B. Z. am Mittag gestiftete
Preisgeld über 100.000 Mark für die deutsche Teilnahme an dem von
der französischen Zeitung Matin geplanten Europa - Rundflug bestimmt
gewesen. Diese Teilnahme scheiterte und so war für den Deutschen Rundflug
ein Gesamtpreisgeld von knapp 500.000 Mark zur Verfügung gestellt worden.
Der Rundflug umfaßte eine Gesamtstrecke von 1854 Kilometer und wurde
auf 13 Tagesetappen verteilt (Berlin - Magdeburg - Schwerin - Hamburg - Kiel
- Lüneburg - Hannover - Münster - Köln - Dortmund - Nordhausen
- Halberstadt - Berlin). Beim Start am 11. Juni kamen insgesamt 500.000 Zuschauer
nach Johannisthal und der Flugplatz platze aus allen Nähten. Die
Vorortzüge waren völlig überfüllt und so fuhren viele
Besucher auf den Wagendächern und Trittbrettern mit. Die
Zufahrtsstraßen boten ein ähnliches Bild und waren von zahlreichen
Gefährten versperrt. Grund für diesen Ansturm war nicht nur die
Schilderungen der bisherigen fliegerischen Leistungen, sondern auch in
zunehmenden Maße die tödlich verlaufenden Unfälle - die
Sensationsgier zeigte erstmals Ihre Wirkung in Johannisthal.
Noch
während des Deutschen Rundfluges fanden am 29. und 30. Juni 1911 der
Kathreiner Flug von München nach Berlin statt. Sieger war Hellmuth Hirth,
der die Strecke von 535 Kilometer mit Passagier in 5 Stunden und 41 Minuten
zurücklegte. Bei den vom 24.9. - 1. Oktober stattfindenden Herbstwochen
flog in Johannisthal die erste deutsche Pilotin, Melli Beese, erfolgreich
und belegte mit Ihrer Rumpler Taube am Schluß den 5. Platz. Als erste
Frau erzielte sie mit Ihrem Dauerflug über 2 Stunden und 9 Minuten einen
neuen Weltrekord. Im Frühjahr 1912 wurden in Johannisthal weitere
Weltrekorde geflogen. Einer wurde von Karl Grulich aufgestellt, als es ihm
gelang mit drei jugendliche Passagiere (die Bestimmung über das
Mindestgewicht von 75 kg für ein Rekordpassagier war noch nicht
eingeführt worden) einen Flug von einer Stunde und 35 Minuten
durchzuführen. Im gleichen Zeitraum wurden auch die ersten Funkflüge
unternommen. Hierzu wurde ein Albatros Doppeldecker von der Telefunken
Gesellschaft mit einer Sende- und Empfangsanlage ausgestattet. In einer
Höhe von 600 m und einer Entfernung von 150 km erreichte man die
Bodenstation in Nauen.
Vom 3. bis 14. April wurde in den Ausstellungshallen am Zoo die Allgemeine
Luftfahrzeug Ausstellung (ALA) abgehalten. Auf dieser ersten Verkaufsausstellung
der Flugzeug- , Motoren-, und Zubehörindustrie waren zahlreiche Firmen
von Johannisthal vertreten, wie z. B. Albatros, Wright, Harlan und Rumpler.
Am Eröffnungstag rief Prinz Heinrich von Preußen zu einer Nationalen
Flugspende auf, um die Entwicklung der Flugzeuge, die Ausbildung derer Piloten,
besondere Leistungen in der Fliegerei und Luftfahrttechnik und die
Hinterbliebenen von verunglückten Piloten zu unterstützen. Am
Jahresende hatte man insgesamt 7,5 Millionen Mark an Spenden eingenommen.
Kaiser Wilhelm II stiftete außerdem noch einen Preis von 50.000 Mark
für den besten deutschen Flugmotor, um die Leistung und
Zuverlässigkeit der bisherigen Motoren zu steigern. Dieser Preis sollte
an dem Geburtstag des Kaisers im Jahr 1913 übergeben werden. Am 20.
April 1912 wurde die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt gegründet
und siedelte sich auf der Adlershofer Seite des Flugplatzes an. Ihre Aufgabe
bestand darin Flugzeuge und das Zubehör zu prüfen und so war einer
Ihrer ersten Aufgaben auch die Überwachung des Wettbewerbs um den
Kaiserpreis für den besten Flugzeugmotor.
1912 kam es in den letzten Maitagen bei der Frühjahrsflugwoche
zu einem von dem Bund Deutscher Flugzeugführer (BDF) organisierten
Pilotenstreik. Dieser wurde wegen den in zunehmenden Maße tödlich
verlaufenden Unfällen durchgeführt und hatte zum Ziel daß
bei zukünftigen Flügen für die medizinische Betreuung gesorgt
werden sollte. Ihr Ziel wurde am 24. und 25. Mai erreicht als es zu tumultartigen
Auseinandersetzungen kam und die Zuschauer wegen des Ausfalls Ihr Geld
zurück verlangten. Flugzeugdirektor von Tschudi entschied daraufhin,
daß bei den folgenden Tagen ein Arzt anwesend war. Vom 9. bis 12. Juni
1912 wurde in Johannisthal der erste internationale Flug, Berlin über
Breslau nach Wien, abgehalten, den Hellmuth Hirth gemeinsam mit seinem
Beobachter, dem Husarenleutnant Schöller, gewann. Um den Besucherstrom
zwischen den jeweiligen großen Veranstaltungen nicht zu verlieren,
wurde von Tschudi kleinere Wettbewerbe, meistens von der Industrie gesponsert,
für die Piloten angeboten. Zu Anfang wurden aber diese zusätzlichen
Wettbewerbe durch die Piloten boykottiert, da die ausgesetzten Preisgelder
zu gering waren. Bei der Herbstflugwoche vom 29. September bis 6. Oktober
1912 wurde erstmals auch militärische Wettbewerbe ausgetragen. Ziel
war es hierbei eine am Boden verankerte Luftschiffattrappe von 9 auf 80 Meter
aus einer Höhe von 50 bis 100 Meter mit 5 kg schweren Wurfgeschossen
zu treffen.
Zu dem ausgesetzten Preis, stellte das Preußische Kriegsministerium
den Ankauf von zwei siegreichen Flugzeugen und der entsprechenden Ziel- und
Abwurfvorrichtung in Aussicht. Das Jahr 1913 brachte eine Neuerung in das
Berliner Sportleben, als erstmals in der Frühjahrsflugwoche vom 25.
Mai bis 01. Juni ein Flugzeugrennen veranstaltet wurde. Für das Rennen
wurden sechs Startbahnen jeweils mit einer eigenen Wendemarke versehen, da
eine Rennanordnung nach dem Muster der Pferderennen nicht genehmigt wurde.
Sieger dieses Schauspiels wurde Felix Laitsch, vor Bruno Hanuschke.
Selbstverständlich wurde neben dieser Neuerung auch noch die üblichen
Wettkämpfe angeboten. Auch die Fernflüge von Berlin nach Paris
fanden einen entsprechenden Anklang beim Publikum, da am 18. April der Franzose
Daucourt in 7 Stunden und 40 Minuten von Paris nach Berlin schon geflogen
war. Am 12. Juli 1913 gewann Edmond Audemars den ausgesetzten Batschari Preis
über 10.000 Mark, da er innerhalb eines Tages , wie es im Reglement
stand, Paris erreichte. Die zunehmenden Besuche der französischen Flieger
zeigte aber immer noch deutlich, daß das Ausland einen Vorsprung in
der Flugzeugtechnik hatte. Erst im September war es soweit und der Deutsche
Alfred Friedrich erreichte als Erster Paris.
Nach dem Rennen Rund um Berlin (30/31. August) und der Herbstflugwoche
(28. September - 5. Oktober 1913), ereignete sich am 23. bis 25. Oktober
eine Sensation auf dem Flugplatz von Johannisthal, als der Franzose Adolphe
Pégoud auf einem Blériot Eindecker erstmals einen Kunstflug
vorführte. Zu seinen Kunstflug gehörten Loopings, Rollen, kurze
Rückenflüge, Törns, Sturzflüge und als Glanzleistung
ein umgekehrter Looping. Dieser umgekehrte Looping wurde erst wieder 1928
von Gerhard Fieseler in die Praxis des Kunstfluges eingeführt.
Natürlich hatte dieser enorme Massenansturm von Besuchern seine
Nachwirkungen, als man nach den Veranstaltungen feststellen mußte,
daß rings um den Flugplatz sich Unmengen von sog. Stullenpapier befand.
Nach einer Auseinandersetzung aber mit der Gemeinde, konnte man sich auf
eine Zahlung von 200 Mark, für den entstandenen Schaden, einigen. Zu
einer weiteren Glanzleistung trug Felix Laitsch im Jahr 1913 bei, als er
in 9,5 Stunden Königsberg erreichte und einen neuen Weltrekord aufstellte.
Aber Johannisthal war nicht nur für die dargebotenen Sensationen
berühmt, sondern bereits 1913 wurden etwa die Hälfte aller Piloten
dort ausgebildet und man konnte sogar den Nachtflug durch extra angebrachte
Kennungen und Leuchtfeuer üben. Am 17. Oktober 1913 ereignete sich aber
in Johannisthal eine furchtartiges Ereignis, als das neue Marineluftschiff
L 2, dieses hatte seit dem 20. September dort Versuchs- und
Übungsflüge unternommen, nach dem Aufstieg auf eine Höhe von
300 Meter in Brand geriet und explodierte. Die Bilanz waren insgesamt 28
Todesopfer. Das Jahr 1914 sollte aber wieder zu zahlreichen Erfolgen für
die deutsche Luftfahrt führen, als verschiedene Weltrekorde wie z. B.
für Dauer, Höhe und Distanz von Deutschen erkämpft wurden.
So wurde im August 1914 nur der Geschwindigkeitsrekord noch von einem Franzosen
gehalten. Ende März kam der französische Kunstflieger Adolphe
Pégoud zum zweiten Mal nach Johannisthal um seine waghalsigen Flugfiguren
zu zeigen. Diese Vorführungen fanden natürlich auch bei den deutschen
Piloten immer mehr Anhänger und so wurde auch von diesen in Johannisthal
Kunstflüge vorgeführt.
Zum bekanntesten Kunstflugpiloten in Deutschland wurde aber der in
Johannisthal tätige Holländer Anthony Fokker. Otto Breitbeil gelang
es sogar mit seinem viel schweren LVG Doppeldecker die Flugfiguren nachzufliegen.
Zum größten Ereignis des Jahres wurde der Dreiecksflug vom 30.
Mai bis zum 5. Juni 1914. Hierbei sollten dreimal in vorgeschriebenen Etappen
die Strecke Berlin - Leipzig - Dresden geflogen werden. Diese Veranstaltung
zeigte schon sehr gut die bisher erzielte Leistungsfähigkeit der Flugzeuge
als z. B. schon beim Start innerhalb von 20 Minuten 35 Flugzeuge abhoben
und Robert Janisch auf seinem LVG - Schneider Eindecker eine Geschwindigkeit
von 165 km/h erreichte. Die bisher immer ausgetragene Frühjahrsflugwoche
fanden 1914 nicht statt. Johannisthal selbst hatte sich in den wenig vergangenen
Jahre sehr geändert, war es doch zu Anfang noch eine Ansammlung von
Werkstätten verschiedener Individualisten, so befanden sich jetzt bereits
richtige Fabriken dort. Dies läßt sich an den im August 1914 in
Johannisthal angesiedelten Namen festhalten: Albatros, Rumpler, AGO (Aviatiker
Gustav Otto), Jeannin, LVG und LFG (Luftfahrzeug-Gesellschaft). Der Ausbruch
des Weltkrieges sollte dieses Bild nur noch weiter entscheidend beeinflussen
als das Flugzeug zur Waffe wurde und somit Johannisthal zur Waffenschmiede.
Lageplan
des Flugplatzes Johannisthal, Sommer 1914.
Anthony
Fokker fliegt auf seinem schnellen und leichten Militär Eindecker über
Johannisthal, 1914.
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