"Senkrecht nach oben muß es beim Fliegen gehen, das ist der richtige
Weg.... So eine Maschine (der Hubschrauber) wird zwar niemals direkt mit
dem Flugzeug konkurrieren können, aber sie wird spezielle Einsatzbereiche
haben, und auf diesen Gebieten wird es dem Flugzeug überlegen sein.
Die Tatsache, daß Du damit vor deiner Haustür landen kannst,
ist aber dafür verantwortlich, daß sie keine große Zuladung
mitnehmen kann."
Emile Berliner
TEIL 2
1924 wurden die Hubschrauber offiziell akzeptiert und die errungenen
Rekorde anerkannt. So hielt Ende 1924 Pescara den Rekord mit seinem Apparat
eine Strecke von 800 Meter in gerader Linie abfliegen zu können, und
Oehmichen trug den Rekord mit seinem Helikopter Lasten von 100 und 200 Kilogramm
in einer Höhe von einem Meter zu tragen. Diese Rekorde konnten erst
Ende 1930 wieder gebrochen werden. In Europa bastelte Anfang 1923 der junge
spanische Ingenieur Juan de la Cierva an seinem Flugapparat "Autogiro" oder
besser bekannt als Tragschrauber. Im Gegensatz zu den zuvor unternommen Versuchen
von Oehmichen und Pescara sollte hierbei der Rotor nicht von einem Motor
angetrieben werden. Der Motor des Autogiros oder besser gesagt des
Drehflügelflugzeugs trieb einen normalen Zugpropeller an, und bei einer
ausreichenden Geschwindigkeit wurde dann der Auftriebsrotor durch den Fahrtwind
in Bewegung versetzt und das Gefährt hob ab. In der Luft wiederum verhielt
sich der Autogiro wie ein Flugzeug und konnte die gleichen Manöver
ausführen, bei der Landung hingegen war seine Vorwärtsgeschwindigkeit
weitaus geringer so daß er mit einer kleineren Landefläche auskam.
Der erste Tragschrauber von La Cierva flog am 31. Januar
1923 am Flughafen Cuatro Vientos, in der Nähe von Madrid, mit Oberleutnant
Gomez Spencer am Steuer, einen Kreis von 4 Kilometer in 3 Minuten und 30
Sekunden. Am 12. Dezember 1924 flog ein Tragschrauber des Typs C.6 mit einem
110 PS Motor und einem Gesamtgewicht von 780 Kilogramm, unter Führung
von Leutnant Loriga, vom desselben Flughafen zum Flughafen Getafe, eine
Entfernung von immerhin 12 Kilometer. Juan de la Cierva konnte am 18. September
1928 mit dem Autogiro Cierva C.8.II, in einer Höhe von 1200 Meter und
einer Dauer von insgesamt 18 Minuten, den Ärmelkanal zwischen Lymphe
und Calais (Strecke 40 Kilometer) überfliegen. Bei den hierbei
durchgeführten Landungen bewies de la Cierva, daß man mit seinem
Tragschrauber beim Landeanflug jeden Anflugwinkel zwischen 15 und 80 Grad
zur Waagerechten einnehmen kann und sich somit die Landestrecke reduzieren
ließ.
Der Abstand zwischen Aufsetzen und Ausrollen betrug dabei niemals
mehr als 3 Meter, obwohl der Autogiro jeweils seinen steilen Sinkflug wie
ein Flugzeug fortsetzte und erst zum Schluß sich aus einer Höhe
von 1 bis 2 Meter durchsacken ließ. Der Tragschrauber demonstrierte
hierbei überzeugend, daß er niemals ein Opfer des
Strömungsabrisse, wie bei Flugzeugen, sein konnte und dies sogleich
bei einer ausreichenden Geschwindigkeit. Allerdings benötigte er beim
Start weiterhin eine längere Startstrecke als bei der Landung weil die
Rotoren sich nicht antreiben ließen. Ein weiteres Problem war der Start
auf einer unebenen Startbahn, weil hierbei die Rotorblätter häufig
gegen das Leitwerk stießen und dieses beschädigten. 1929 konnte
de la Cierva ein Leitwerk entwickeln das vor den Rotorblättern
geschützt war. Im selben Jahr wurde von amerikanischen Lizenznehmern
eine Vorrichtung entwickelt, die beim Start den Rotor antrieb und somit die
Startbahn auf 10 bis 20 Meter verringerte.
Bei der Erreichung der Auftriebsgeschwindigkeit wurde der Antrieb
wieder abgestellt und der Tragschrauber konnte wie zuvor wieder fliegen.
Trotz den Erfolgen von de la Cierva dauerte es bis weit in die 30er Jahren,
bis eine Hubschrauber alle heutigen Fähigkeiten aufweisen konnte. Als
1936 de la Cierva bei einem Flugzeugabsturz starb verlor man sogar noch die
Leitfigur der damaligen Zeit. Zur gleichen Zeit konnten aber zwei bis drei
Hubschrauberspezialisten auf die Erfolge von de la Cierva aufbauen und die
Entwicklung des Hubschraubers entscheidend vorantreiben. In Frankreich wurde
der Gyroplane von Louis Bréguet und René Dorand ständig
verbessert so daß man 1937 bei Probeflügen, die von dem Ingenieur
und Piloten Claysse überwacht wurden, neue Weltrekorde aufstellen konnte.
Wenige Monate später konnten aber in Deutschland,
durch den von Professor Focke entwickelten Hubschrauber Focke-Wulf Fw 61,
diese Erfolge in den Schatten gestellt werden. Der Hubschrauber Fw 61 wurde
von einem 160 PS Bramo Motor, gekühlt durch einen kleinen Propeller,
angetrieben und seine im gleichen Abstand links und rechts des Rumpfes
befindlichen Hubluftschrauben erzeugten den nötigen Auftrieb. Flugwinkel
und Flugrichtung wurden über die Neigung der Rotorblätter gesteuert,
indem man einen asymmetrischen Auftrieb produzierte. Die Fw 61 wurde in
Deutschland unter strengster Geheimhaltung entwickelt und stellte ihre Leistung
durch beeindruckende Rekorde dar: 2439 Meter erreichte Höhe, 122,55
km/h Geschwindigkeit, 80,60 Kilometer Distanz im Kreisflug und 224 Kilometer
Geradeausflug, 32 km/h Rückwärtsgeschwindigkeit und Sinkflug bei
abgestelltem Motor mit den Rotoren auf Autorotation, um die Sinkgeschwindigkeit
abzubremsen.
Der Erstflug wurde am 26. Juni 1936 durch den Testpiloten Ewald Rohlfs
unternommen und dauerte nur 28 Sekunden. Am 25. Juni 1937 konnte man eine
Höhe von 2439 Meter bei einer Flugdauer von 1 Stunde 20 Minuten und
49 Sekunden erreichen. Eine Tag später stellte man mit 16,4 Kilometer
einen Streckenrekord auf, flog einen neuen Rekord auf einem Rundkurs von
80,604 Kilometer und brach mit einer Höchstgeschwindigkeit von 122,553
km/h auch noch den Geschwindigkeitsrekord. Pilot war bei allen Flügen
jeweils Ewald Rohlfs. Hanna Reitsch konnte dann am 25. Oktober mit einem
Flug über 109 Kilometer zwischen Bremen und Berlin einen weiteren Rekord
aufstellen. Im Februar 1938 flog Hanna Reitsch eine Reihe von Flügen
in der Deutschlandhalle über die in der Presse und beim Film sehr viel
berichtet wurde. Das Publikum hingegen war nicht immer davon begeistert und
verstand wahrscheinlich nicht die ihnen vorgeführte Sensation. Vor dem
Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konnte man durch den Piloten Karl Bode am
20. Juni 1938 eine Entfernung 230 Kilometer zurücklegen und am 29. Januar
1939 einen Höhenrekord über 3427 Meter aufstellen. Mit der Fw 61
konnte man zwar die Möglichkeiten eines Hubschrauberkonzepts beweisen
aber der praktische Nutzen war sehr gering.
Als Folge wurde der Bau eines größeren Hubschraubers
vorangetrieben und schließlich mit Focke-Achgelis Fa 223 Drache, die
im August 1940 flog, verwirklicht. Die Drache hatte ebenfalls wie zuvor die
Fw 61 zwei ausgelagerte Rotoren, wurde von einem 1000 PS starkem Bramo Motor
angetrieben und hatte erstmals eine vollständig geschlossene Kanzel.
Als Einsatzmöglichkeit sah man den Transport, die U-Boot Jagd, die Rettung
und Aufklärung vor. Trotz der groß geplanten Stückzahl konnten
nur eine Handvoll, hauptsächlich aufgrund allierter Bomberangriffe,
fertiggestellt werden. Im September 1945 flog ein Exemplar zusammen
mit RAF Personal über den Ärmelkanal nach England. Da die Konzeption
mit zwei Rotoren ein sehr sperrige Maschine erzeugte, wurde in Amerika von
den zwei Hubschrauberpionieren Bell und Sikorsky an dem Konzept eines Hauptrotors
gearbeitet. Am 14. September 1939 konnte Vought Sikorsky mit seinem VS 300,
im Fesselflug, das Konzept erfolgreich vorführen. Im Mai des folgenden
Jahres konnte dann der VS 300 frei fliegen. Mit der Sikorsky R-4 wurde dann
endlich auch ein einsatzfähiges Modell entwickelt, das sogar in den
letzten Kriegsjahren bei der US Army noch eingesetzt wurde.
Focke-Achgelis Fa 223 E Erprobungsflug
im Hochgebirge, diese Maschine hatte zusätzlich noch eine Seilwinde
an Bord und konnte den Test erfolgreich durchführen.
Vought Sikorsky VS 300 beim erfolgreichen
Fesselflug am 14. September 1939.
Vought Sikorsky R-4 mit aufblasbaren
Schwimmkörpern - zum Landen auf Wasser, Schnee oder Sumpf. Die
Erprobungsflüge vom Schiff aus fanden an Bord des Tankers Bunker Hill
im Mai 1943 statt, später im gleichen Jahr wurde der Hubschrauber auch
mit Krankentragen als Außenlast zur Erprobung eingesetzt.
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