1890 – 1910 Kuriositäten oder fliegende Kisten

„die genaue Beobachtung des Fluges der Vögel überzeugte mich, daß die nach dem Prinzip der vereinigten Wirkung des Papierdrachens und Fallschirms fliegen..“
Jacob Brodbeck 1821 – 1910
TEIL 1

Monstrum
Der anglo-amerikanische Erfinder Sir Hiram Stevens Maxim brachte im Juli 1894 in Kent dieses Monstrum tatsächlich dazu, sich ein kleines Stück vom Boden zu heben. Der von zwei kleinen Dampfmaschinen betriebene Doppeldecker lief auf einer Versuchsapparatur auf Schienen; er hatte einen Tragflächeninhalt von 370 Quadratmetern, wog 3,6 Tonnen und hatte drei Mann Besatzung. Mehr als ein Kuriosum der Luftfahrtgeschichte war er allerdings nicht. 271 Erfindungen ließ Maxim sich patentieren, darunter eine verbesserte Mausefalle und das Maxim-Maschinengewehr (siehe auch Rubrik Technik/Waffen).


Batmobil
Der Franzose Clement Ader beanspruchte die Ehre für sich, als erster mit einer Maschine geflogen zu sein, die schwerer war als Luft; 1890 hatte er die dampfbetriebene Eole gebaut und war damit tatsächlich 50 Meter weit „geflogen“. Sein 1897 entstandenes zweikesseliges Avion III (siehe Bild) bekam er jedoch nie vom Erdboden. Das Beste daran war die Dampfmaschine, die unglaubliche Kraft hatte. Eine Besonderheit dieses Apparates waren die in Fledermaus-Form aus- und einklappbaren Flügel.


Starrflug
In Europa wurden die Leistungen der Gebrüder Wright kaum bekannt. Im Oktober 1906, drei Jahre nach Kitty Hawk (Erstflugsort der Gebrüder Wright), machte Alberto Santos-Dumont mit dem nach einem Ballon, mit dem er die Testfahrt absolvierte, benannte Kastendrachen 14-bis, den ersten europäischen Motorflug (24 PS Motor mit Druckpropeller, 220 Meter in 21 Sekunden). Hierfür gewann er den vom Aero Club ausgesetzten Preis über 1.500 Francs (für den ersten Flug über 100 Meter). Anders als der Wrightsche Flyer war die 14-bis, die mit dem Leitwerk voran flog, auf Starrflug konstruiert; Santos-Dumont stand dabei aufrecht in einem Ballonkorb.


Fliegende Jalousie
1884 hatte der Engländer Horatio Phillips die Richtigkeit der aeronautischen Theorien bewiesen, die George Cayley 90 Jahre zuvor aufgestellt hatte; er baute für die Aeronautical Society einen Windkanal und leitete Dampf über ein Flügelsegment mit unterschiedlich gewölbter Ober- und Unterseite – einer Tragfläche. Er bewies, daß sich auf der Unterseite eines Flügels, wenn er oben stärker gewölbt ist als unten, ein erhöhter Luftdruck bildet, der in emporhob. Phillips Schriften sollten von grundlegender Bedeutung für die Luftfahrt werden, doch für seine eigenen praktischen Versuche wählte er einen Vieldecker, der mehr Ähnlichkeit mit einer Jalousie als mit jedem anderen Flugzeug hatte, das je gebaut wurde. 1907 flog die Maschine in Streatham, London, tatsächlich 150 Meter weit, und Phillips gelang damit der erste bemannte Motorflug Großbritanniens, obwohl er nie als solcher anerkannt wurde. Außerdem besaß dieser Flugzeug noch keine wirksame Steuerung.


Nurflügler schon damals?
Nurflügelflugzeuge wie der neue amerikanische Bomber B-2 Stealth haben ihren Ursprung in den merkwürdigen Doppeldeckern des Engländers John William Dunne mit ihrer abwärtsgewandten Pfeilform. Dunne ließ sich bei der D1, die er 1907 als Geheimprojekt für die britische Regierung konstruierte, von den geflügelten Samen der Zanonia (Bandelierfrucht) inspirieren, eines Gewächses aus Java. Die ersten Versuche scheiterten, doch die von einem Gnome-Motor angetriebene D5 (siehe Bild) bestand 1910 ihre Probe im englischen Eastchurch mit Dunne am Steuer, und die D8 flog 1913 von Eastchurch nach Paris.


Hubschrauber
Zwei Maschinen wetteiferten Ende 1907 darum, als erste das Hubschrauberprinzip umzusetzen, doch keine schaffte es wirklich, und es sollte noch dreißig Jahre dauern, bis die Stabilitätsprobleme gelöst waren. Der mit vier Rotoren versehene Gyroplane Nr.: 1 (siehe Bild) der Brüder Breguet erhob sich am 19. September mit einem Mann an Bord rund einen halben Meter über den Boden, wurde allerdings an den vier Enden von Helfern gehalten. Am 13. November hob sich Paul Cornu mit seiner Zwei-Rotoren-Maschine für einige Sekunden vom Boden und gilt als Sieger dieses Wettstreits, weil er ohne Unterstützung schwebte.


„Unzweifelhaft waren es allein die Brüder Wright, die das Problem, wie der Mensch künstlich fliegen könne, in seinem ganzen Umfang gelöst haben…Es war dies die Frucht ihrer Versuche von 1903 – 1905. Männer von großem schöpferischem Geist, die sie waren, gebildet, exakt im Denken, unermüdlich bei der Arbeit, hervorragende Experimentatoren und selbstlos in ihrem Einsatz, haben die Brüder Wilbur und Orville Wright mehr als nur irendeiner den Erfolg verdient, den sie errangen. Sie veränderten das Gesicht des Erdballs.“
Charles Dollfus, franz. Flieger und Historiker
TEIL 2

Vogelform
1908 experimentierte man überall noch mit verschiedenen Tragflächenformen, und die Konstrukteure der Vendome setzten große Hoffnungen auf die Vogelform. Der Schreick Eindecker, Diapason, von 1910 trieb das Prinzip der Rumpler Taube mit Leitwerken auf den Flügelspitzen ins Extrem. Keine dieser Maschinen bewährte sich.


Heckantrieb?
Der Franzose Loius Bleriot hatte zahlreiche ruinöse Experimente vor seiner Kanalüberquerung unternommen. Aus diesen kann man seine Tatkraft aber auch die technischen Fortschritte ablesen. Nach den glücklosen Doppeldeckern Nr. III und Nr. IV des Jahres 1906 war im März 1907 sein erster Eindecker fertig, Nr. V L`Oiseau mit Frontleitwerk und dem Motor im Heck. Mit dieser Konstruktion gelang im allerdings nicht der erhoffte Durchbruch.


Kreisflügel
Eine gewisse aeronautische Logik hatte der Vieldecker, Name Multiplan, des Marquis d`Ecquevilly, doch trotzdem schlugen im November 1908 alle Versuche fehl, ihn zum Fliegen zu bringen. Schließlich hatte er sich doch aufgrund der verwendeten kreisförmigen Anbringung der Flügel in einem Rahmen zusätzliche Stabilität versprochen.


Das vertikale Prinzip
Kaum eine Aufgabe erwies sich als so schwierig zu meistern wie der vertikale Flug. Bei Bertins Autogyro (Drehflügler) von 1908 sollte ein zusätzlicher Rotor für Auftrieb sorgen. Leider konnte diese Konstruktion nicht fliegen und es sollte noch fast 30 Jahre dauern bis dieses Problem gelöst wurde.


Transsylvanier mit Fledermausflugzeug
Noch Ende 1906 vergeudeten man in Europa seine Zeit mit kuriosen Konstruktionen. Die vielen Bastler vertrauten fast durchweg auf ihr Glück statt auf wissenschaftliche Prinzipien; Windkanäle waren so gut wie unbekannt. Einige dieser Pioniere hätten es allerdings beinahe geschafft. In Paris gelangen dem Transsylvanier Trajan Vuia einige Hüpfer mit seinem fledermausflügeligen Eindecker, doch die Maschine war viel zu schwer.


Fliegendes Fahrrad
Die aeronautische Prinzipien der Drachen waren in China schon im 1. Jahrhundert vor Christus bekannt; sie verliehen auch den Gleitern der Flugpioniere und später den ersten Flugzeugen ihre Stabilität. 1909 erregte in Frankreich der Fahrraddrachen von Puiseux Aufsehen wegen der Anbringung der Flügel auf einem gewöhnlichen Fahrrad. Angeblich konnte man mit dieser Konstruktion sogar kurze Gleitflüge unternehmen.


Die erste Fotografie eines Flugzeugs
Frankreich,1868: Die erste Aufnahme eines Flugzeugs, die je gemacht wurde. Das Gleitflugzeug von LeBris flog allerdings nie.


Schleife
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